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Am 13. Oktober
2006 durfte ich einen Nachmittag lang die letzte Evolutionsstufe des
legendären "Elfers" bewegen.
Als bekennender (automobiler) Frischluftfanatiker freute es mich
besonders das es sich bei dem Testwagen um die Variante
ohne verlötetem Dach handelte. Rein in die gute Stube, Triebwerk ein und
als erstes mal das Dach wegtun.
Dies geschieht beim aktuellen 911 ratzfatz und ohne händische
Entriegelung. In wenigen Sekunden schliesst sich der
Verdeckkasten und die Sonne kann einem ungestört auf die Birn knallen.
Das Interieur ist nahezu perfekt verarbeitet.Man
platziert seine vier Buchstaben auf feinstes Leder, welches sich
auch an den
Türverkleidungen, der Mittelkonsole
und dem Armaturenbrett wieder findet. Sehr geile Gschicht.
Man merkt dass das Team der Zuffenhausener Innenarchitekten genau wusste
was der sportliche Fahrer wo haben will.
Das Gestühl der getesteten Variante war laut Dealer noch die komfortable
Version. Na leck oasch, wenn DAS die komfortable
Version ist, dann will ich die sportliche Version gar nicht erst mit
meinem Luxuskörper bekannt machen.
Meiner Meinung nach ist das Thema Rückenlehne
der einzige Punkt bei diesem Fahrzeug, der das Konzept
"Alltagsauto meets Renngerät" über den Haufen wirft. Obwohl ich sagen muss
bei motiviertem Fahrstil sind die Sitze das Beste
was ich je erlebt habe. Perfekte Symbiose zwischen Pilot und Maschine,
ideale Sitzposition, man glaubt wirklich man ist
Teil der 997ers. Im Alltagsbetrieb allerdings zwingt einem die steile
Rückenlehne und die nicht verstellbaren Kopfstützen zum
lümmeln und ehe man sichs versieht hängt der sportlich ambitionierte
Manager in "Ur GTi Stellung" hinterm Volant.
Die Platzverhältnisse im Innenraum sind
wesentlich enger als zB im
Ferrari 360. Ablagen sind zwar nicht im Überfluss vorhanden,
aber die notwendigsten Dinge finden auf Anhieb Platz. Bei der
Tachoskalierung (330 km/h) war wohl eher der Wunsch der Vater
des Gedanken, einen asphärischen Spiegel auf der rechten Seite sucht man
vergebens.
Das serienmässige "PCM"
(Porsche Communication Management) mit 5,8" TFT, Porsches
Antwort auf das "Comand" System
bei Mercedes Benz beinhaltet Radio, Navigation und (optional)
Telefonfunktionalität.
Die Navieinheit zeigte während des Tests zwar hin und wieder einen Topfen
an, war aber bis auf die bei manchen Menüpunkten
invertierte Drehreglerfunktion ganz ok. Im Gegensatz zu den
Vorgängermodellen kann man im 997 die "Map" Funktion auch
ohne programmierter Zielführung aufrufen. Naviinformationen lassen sich
auch unter dem schön mittig platzierten Drehzahlmesser
einblenden. Die Steuerung dieses Displays kann man über einen kleinen
Hebel unter dem Blinkerschalter betätigen.
Ebenso wie die analoge
Stoppuhr in der Mitte des Armaturenbretts. Dafür braucht man
aber aufgrund der nicht ganz intuitiven
Bedienung mindestens einen HTL Abschluss. Es wäre intelligent gewesen die
Stoppuhrsteuerung aufs Lenkrad zu platzieren.
Ein absolutes Highlight ist das aufpreispflichtige
Bose Soundsystem. Was da aus den Lautsprechern kam gehört zum
besten,
was man derzeit ab Werk ordern kann. Satte Bässe, eine unverfälschte
Stimmwiedergabe, abgerundet mit einem sensationellen
Hochtonbereich. Egal ob mit geschlossenem Verdeck oder oben ohne, dieses
Bose System ist einfach state-of-the-art.
Das Triebwerk des Carrera ist ein 3,6 Liter
Boxermotor mit sechs Zylindern. Auch wenn mich einige Porsche
Fleischis jetzt
am liebsten steinigen würden, aber meiner Meinung klingen die aktuellen
wassergekühlten Motoren um Welten besser als
die alten luftgekühlten Käfer-Evolutionsstufen. Kernig grollend aus dem
Keller, und heiser schreiend wenn mans wissen will.
Der Drehzahlkeller ist nicht so ganz mit Leistung gesegnet, man könnte
meinen der Motor lässt Dir zu verstehen geben
"Na Blada, jetzt ned". Hat man aber die 3000er Grenze überwunden wandelt
sich der träge Kollege in einen reinrassigen
Sportler und der 11er scheint zu melden "Na guat, wenns sein muass, auf
gehts!" Während die Nadel des Drehzahlmessers
in Richtung rote Zone wandert wartet man voll Anspannung auf
den gewissen Punch, dieses "Jawoi is
des geil" Feeling.
Aber es kommt nicht und bei 7000 findet der Vortrieb ein Ende.
Der Boxer hängt zwar ab 3000 gierig am Gas und setzt Gasbefehle auch rasch
in Leistung um aber man hat das Gefühl nie
wirklich richtig schnell zu sein. Zwar reicht ein Blick auf den Tacho um
zu merken, dass man sowohl die "21-35 Euro"- als auch
die "70-150€ und wenn ich sie noch einmal erwisch, wirds richtig bes"
Grenze schon lange passiert hat und sich meist im
"Kronen Zeitung Titelblatt" Modus befindet wo bei etwaigen
Fahrzeugkontrollen der Führerschein mit dem Schaffnerzangl entwertet
wird.
Aber wenigstens ist der Zuffenhausener Prachtbursche nicht sonderlich
durstig. Mehr als 16 Liter gingen
einfach nicht rein.
Äusserst moderat für diese Klasse wie ich finde.
Kommen wir nun zur grössten Schattenseite des
911ers, dem Getriebe. Um es auf ein
Wort zu reduzieren, fällt mir ad-hoc nur
der Begriff "Frechheit" ein. Die
Schaltvorgänge sind nochmal um einiges langsamer als beim
Modena F1, welcher
wenigstens
das schnelle herunterschalten über zwei Gänge zusammen brachte. Langsamer
erledigt die Getriebeschlichterei eigentlich nur
mehr der smart cdi. Im
normalen Modus wird bei erreichen des Drehzahlbegrenzers automatisch
weiter geschaltet, im "Sport"
Modus bleibt die gewählte Fahrstufe eingelegt. Die Übersetzung der 2er ist
um einiges zu kurz, was bei einem schnell schaltenden
Getriebe ja kein Problem wäre, kurz in die 3er und wieder runter. Da man
aber von den letzten zwei Schikanen noch den Ärger im
Gesicht hat, lässt man den Carrera lieber die paar Meter bis zum nächsten
Bremspunkt im Begrenzer laufen als sich von der
Tiptronic S eine Wartenummer geben zu lassen. Auf der Porsche website
steht geschrieben:
"Besonders bei sportlicher Fahrweise zeigen sich die Vorteile der
Tiptronic S. Schnelle Gangwechsel ohne Zugkraftunterbrechung
ermöglichen auch im Automatikbetrieb eine sehr agile Fahrweise.Die
spontane Reaktion ist mit einem Porsche Schaltgetriebe vergleichbar."
Hallo? Reden wir wirklich vom selben Auto??? Wenn ich nicht schon einige
Porsche Modelle mit Handschaltung gefahren wäre,
würde ich nach dieser Probefahrt nicht mal einen Gedanken daran
verschwenden dies nochmals zu tun.
Wie schon so oft möchte ich beim Thema Tiptronic auf den Konzernbruder
Audi verweisen. Deren DSG Getriebe ist
im Vergleich
zur "Tiptronic S" wie Eva Mendez zu Mutter Beimer. Wer beide
Getriebevarianten im 911er gefahren ist und sich trotzdem für die
Automatik entschieden hat, dem möchte ich fünf Minuten lang die Hände
schütteln und eine Hansi Hinterseer CD überreichen.
Das Fahrwerk ist im normalen Modus sehr
angenehm und trotzdem sportlich. Im "Sport" Modus hauts einem
sprichwörtlich die
Plomben aus der Beissleiste. Die Kurvenlage ist das Highlight dieses
Fahrzeuges und lässt sich am besten mit dem Begriff
"unsichtbare Leitplanke" erklären. Im
Grenzbereich gibts hauchdünnes Untersteuern und wenn mans dabei
belässt, fährt man
wie auf Schienen um die Ecken. Will mans aber genau wissen und gibt Schub,
zieht der Carrera brav Richtung Kurveninnenseite
als wäre man mit einem Allradfahrzeug unterwegs. Auf rutschigem Terrain
kann man mit ruckartigem Einlenken und deaktiviertem
"PSM" (Porsche Stability Management) sehr schöne
Drifts auf den Asphalt zaubern, welche sich perfekt mit dem
Gaspedal dosieren
lassen. Geübte Hinterrad Piloten können getrost auf PSM verzichten, der
911 lässt sich wunderbar sauber quer fahren.
Die
Bremserei arbeitet tadellos und greift
wenn nötig bissig zu. Auch nach einer gröberen Dopplerhüttensession
zeigten sie keinerlei
Anzeichen von Fading. Bereift war der Testwagen mit
235/40/ZR 18 auf 8x18" vorne und
265/40/ZR 18 auf
10x18" hinten.
Die Lenkung ist zwar nicht so direkt wie beim
Modena, ist aber
trotzdem sportlich ausgelegt und gibt präzises Feedback.
Wie schauts bei diesem nicht gerade billigen Fahrzeug mit dem
Poserfaktor aus? Schlecht, ganz
schlecht. Im Prinzip kratzt es
keine Sau wenn Du mit der Rodel vorbei fährst. Der 911 Carrera ist das
genaue Gegenteil zum Brüderchen aus Maranello.
Nichtmal die
Bilderbuchproleten im 2er Golf würdigten den 997er auch nur
eines Blickes.
Fazit:
Ich habe mich mit meinen knapp 30 Lenzen damit abgefunden, dass ich wohl
nie Olympiasieger im Stabhochsprung werde.
Warum findet sich Porsche nicht einfach damit ab, dass sie keine
brauchbare Tiptronic zusammen bringen und lassen es bleiben?
Dieses Getriebe wirft das ganze sonst erstklassig umgesetzte Konzept
komplett über den Haufen.
Ich muss mir in naher Zukunft nochmal sowas ausborgen, aber unbedingt mit
Schaltgetriebe und erst dann wenn sich mein Kreuz
von den unbequemen Sitzen erholt hat. Wenn auf dem dicken Boxer noch zwei
fette Föns dran hängen, würds mich auch nicht stören.
Schau ma mal... |