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Cadillac XLR

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Leistung: 326 PS
Drehmoment: 423 Nm @ 4400 upm
Zylinder: 8
Hubraum: 4565 ccm³
Eigengewicht: 1654 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 5,9 sek
Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h
Antrieb: Heckantrieb, 5-Gang Automatik mit Tiptronik
Standort: Wien
Fahrer: phj
Beifahrer: Spanni
Charakteristik: Batmans SL

Als ich dieses Wagl das erste mal in Natura gesehen habe, dachte ich „*pfffff* Schorf! Wos is des?“
Nach kurzer Internet Recherche war der Fall klar. Cadillac will also mit dem XLR ein Stück vom Marktsegment des SL
abhaben. Erste Zweifel kamen in mir auf. Amerikanische Sportwagen sind für mich ein Widerspruch in sich.
Zwar klingen die Papierwerte meist verlockend, aber in der Umsetzung des Gesamtkonzeptes isses wie wenn man
Jeannine Schiller so oft zum Onkel Worseg schickt, bis sie für einen Modelbewerb tauglich ist.
Von außen passabel, aber spätestens wenn mans das erste mal richtig herbeidlt, fallen die ersten Teile ab.
Ich erinnere mich immer wieder gerne an die scharfen Corvette Modelle von Franz und Roman, die zwar bis zur Decke
mit Geiger Equipment vollgepackt waren, auf der Geraden angedrückt haben, dass die Wurst den Darm verließ, aber bei
der ersten Kurve kam sofort der newsflash vom Kleinhirn „Ich will da raus….JETZT!!!“.
Und die Armaturenlandschaft sah meist aus, als sei sie dem aktuellen Mömax Küchenkatalog entsprungen.

Jetzt wollte ich erst recht wissen, was sich die letzten 10 Jahre am Amisektor getan hat. Also wurde ratz-fatz für den
10. November eine Probefahrt ausgemacht.

Einmal im XLR Platz genommen, stellt man fest es hat sich was getan. Das Platzangebot ist selbst für mich kleinen Elefanten
relativ ausreichend, die Konkurrenz (SL, 6er) bieten aber mehr Spielraum, vor allem im Kofferraum. Bei geschlossenem
Verdeck hat man ausreichend Platz, aber im oben-ohne Betrieb findet grade mal eine Handtasche Platz.
Von der Ergonomie her ist eigentlich alles dort, wo man es erwarten würde. Die Verarbeitung ist um Längen besser,
als bei durchschnittlichen Amerikanern.
Die Serienausstattung ist unpackbar. Elektrisches Verdeck, Leder, Holz, beheiz- und kühlbare E-Sitze mit Memory, elektrisch
verstellbares Lederlenkrad mit Multifunktionstasten, DVD Navigationssystem mit Touchscreen, BOSE Soundsystem, Tempomat
mit automatischer Abstandsregelung, Xenonscheinwerfer, Keyless Go, Klimaautomatik, Head-up-Display und von Bvlgari
entworfene Armaturen und Schlüssel. Einzig orderbare Sonderausstattung ist die Metallic Lackierung. In dem Punkt kann sich
der Mitbewerb drei Scheiben abschneiden.
Im Detail wirft der XLR doch ein paar Fragen auf. Warum zum Beispiel muss man die Automatik auf „P“ setzen, wenn man die
Türen öffnen will??? Warum gibt es zwar einen radargesteuerten Tempomaten, aber keine asphärischen Aussenspiegel?
Und warum in aller Welt lässt sich das Verdeck nicht per Fernbedienung öffnen?
Genau DAS sind die kleinen Details, die den Gesamteindruck drücken können.

Drückt man den Startknopf, erwacht der 4,6 Liter Northstar V8 zum Leben. Cadillac hat mit diesem Motor genau ins Schwarze
getroffen. Ruhig und gelassen im Stadtbetrieb, irrsinnig drehfreudig und geil schreiend wenn einem die Motivation packt.
Der Spruch im Heck könnte für meinen Geschmack ruhig um ein, zwei Stufen lauter sein. Im Vergleich zum kernig grollenden V8
weiter vorne, klingt der Auspuff eher wie ein Buttermilchrülpser von der Jazz Gitti.
Wer mehr will, dem verbauen die Jungs in der Vertragswerkstätte einen Kompressorsatz, was dann im Endeffekt bis 450PS bringt.
In Zeiten von Prius & Co eine gern gelesene „Wos scheiss i mi um Co2“ Option.
Im Test genehmigte sicher der Cadillac 19 Liter Normalbenzin(!). Für einen zügig bewegten V8 durchaus adäquat.

In einigen Berichten habe ich über das angeblich sooo schlechte Getriebe des XLR gelesen. Bullshit.
Die lang übersetzte 5-Gang Automatik (1er bis 80 km/h, 2er bis 140km/h) passt meiner Meinung nach sehr gut zu diesem
drehmomentstarken Achtender. Zugegeben, die Tiptronik Funktion ist zwar da, aber durch die spürbare Verzögerung in der
Praxis nicht wirklich zu gebrauchen. Das ist aber auch schon der einzige Nachteil am Getriebe. Es schaltet butterweich,
ruckfrei und lässt sich via Gaspedal exakt steuern. Positiv zu erwähnen sei noch, dass gesperrte Gänge im manuellen Modus
auch bei erreichen des Drehzahlbegrenzers gesperrt bleiben. Kein lästiges selbsttätiges Hochschalten.

Das Fahrwerk ist trotz seiner etwas strafferen Abstimmung ausreichend komfortabel, doch irgendwie wirkt der XLR nicht so
steif wie ein 230er SL oder ein 6er BMW. Nicht falsch verstehen, wir sprechen hier von Kritik auf sehr hohem Niveau.
So extrem verwinden wie eine C4 Corvette oder ein alter Camaro tut sich der XLR nicht, aber das letzte Äutzerl fehlt.
Die serienmäßige Traktionskontrolle hat die 326 Pferdchen auch bei Nässe gut im Griff. Kleine Arschbewegungen werden
toleriert, wenns zu viel wird greift die Elektronik sanft und effektiv ein. An der Bremserei gabs auch nichts zu meckern.

In einem Bereich spielt der XLR auf jeden Fall in der Ferrari Liga, und zwar beim Hinguck Effekt.
Kaum jemanden lässt dieses Design kalt. Alleine beim kurzen Tankstop wurde ich zwei mal angesprochen was denn das
für ein tolles Teil ist. Egal wo man hinfährt, die Blicke sind einem sicher.

Fazit:
Schön langsam wirds was mit den amerikanischen Sportlern. Wenn man den derzeit stark reduzierten Verkaufspreis von
rund 70.000€ bedenkt, ist der XLR eine ernstzunehmende Alternative zu den europäischen Luxus Roadstern.
Die Ausstattungspolitik dürfte sich als zweischneidiges Schwert heraus stellen. Einerseits ist eigentlich fast alles an Board,
was man sich in dieser Klasse erwartet. Aber nur fast. Spielereien wie ein fernbedienbares Verdeck, eine Massagefunktion
der Sitze oder eine optionale Integration des iPods sucht man vergebens. Klar kann man auch ohne diese Dinge leben, aber
die angestrebte Klientel will solche Dinge eben haben. Und wenn ich schon ein Fahrzeug im Batman Stil baue, sollte ich
auch noch Platz im Allzweckgürtel für diverse Gimmicks frei haben.

phj

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