| Burschen liefern sich mit aufgemotzten
Autos Wettrennen – um Geld, Benzin oder Prestige. Die Wiener Polizei setzt
gezielt Schwerpunkte gegen die so genannten "Roadrunner".
Die Tachonadel steigt, die Autoinsassen fangen an zu johlen, in wenigen
Sekunden hat der Opel Calibra 260 km/h erreicht. Ein Lenker rast mit
enormer Geschwindigkeit durch einen Tunnel. Mit der Geschwindigkeit steigt
der Nervenkitzel. Der ultimative Kick. Die absolute Gefahr. Solche Szenen
sind in Videoclips zu sehen, die von "Roadrunnern" ins Internet (www.hatzer.at)
gestellt werden. Im letzten Jahr ereigneten sich in Wien bei Wettrennen
der "Roadrunner" mehrere schwere Unfälle, es gab einen Toten.
Freitag, 22 Uhr. Zwölf Beamte der Verkehrsabteilung der Wiener Polizei
rücken aus, zur wöchentlichen Sonderaktion "Roadrunner". Die Polizisten
fahren in Zivilstreifenwagen, die mit einer Videoanlage zur Aufzeichnung
der Geschwindigkeit ausgerüstet sind. Zum Erfassen der Geschwindigkeit ist
eine Mindeststrecke erforderlich. Das Gerät misst die gefahrene Zeit, die
gefahrene Strecke und errechnet daraus die Durchschnittsgeschwindigkeit,
die der Raser gefahren ist.
In dieser Nacht halten die Beamten speziell Ausschau nach Fahrzeugen, die
technische Veränderungen aufweisen wie ein markant tiefer gelegtes
Fahrwerk oder protzige Front- und Heckspoiler. In den aufgemotzten Boliden
sitzen Burschen, die oft nächtelang durch die Stadt fahren und auf ein "Hatzerl"
(Rennen) warten. "Sie geben untereinander durch Zeichen wie kurzes
Einschalten der Alarmblinkanlage zu verstehen, dass sie für ein Rennen
bereit sind", erläutert Einsatzleiter Martin Kalteis. "Manchmal lassen sie
sich bei Kreuzungen zurückfallen. Der übrige Verkehr wird dadurch auf
allen Fahrspuren blockiert und die Bahn ist frei für das nächste Rennen.
Dann wird mit den Fingern der Wetteinsatz angezeigt. Ein Finger bedeutet
100 Euro, zwei Finger 200 Euro." Bei stationären Radarkabinen wird vorher
getestet, ob sie aktiviert sind.
Die "Roadrunner" sind vorwiegend junge Menschen. Viele haben noch den
Probeführerschein. Sie kaufen alte Autos und stecken viel Geld in die
Umbauten. Bei Anhaltungen haben sie keinen Cent in der Tasche, "müssen
sammeln, damit sie das Organmandat bezahlen können", berichtet
Revierinspektor Andreas Köck.
Die Autos mit den protzigen Heckflügeln und Frontspoilern, dem tiefer
gelegten Fahrwerk, der 250 Watt Stereoanlage, dem "bösen Blick", sind die
Statussysmbole der Burschen. Die Umbauten entsprechen in wenigsten Fällen
den Vorschriften, da sie meist im Pfusch gemacht werden. Es soll einige
Autohändler geben, die getunte Autos verkaufen, die nicht den Vorschriften
entsprechen, sagen die Polizisten. Die aufgemotzten Autos alleine genügen
den Burschen nicht. "Sie wollen sich in Rennen profilieren, in der Szene
aufsteigen und ihren Mädchen imponieren. Es gibt Stars und Superstars in
der Szene", erläutert Major Kalteis.
Die "Roadrunner"-Szene entstand vor etwa sieben Jahren. "Damals haben sich
junge Leute vom VW-Club Gänserndorf/Deutsch Wagram auf einem Übungsplatz
in Wien Floridsdorf getroffen, ihre Boliden präsentiert und Wettfahrten
gemacht", berichtet Andreas Köck, der die Entwicklung der "Roadrunner-Szene"
seit Anbeginn verfolgt hat. Die Club-Mitglieder führten auf der
Kennzeichenhalterung die Aufschrift "Roadrunner". Beliebte Treffpunkte
sind heute Tankstellen im Bereich der Triester Straße und des
Gaudenzdorfer Gürtels.
Die Zivilstreife fährt gegen 22.40 Uhr bei einer Tankstelle vorbei. Auf
dem Parkplatz tummeln sich etwa 20 bis 30 junge Männer. Sehen und gesehen
werden, lautet die Devise. Es ist fast so wie in der Disko. Die Burschen
tragen Goldkettchen und Lederjacken. Das Qutfit ist hier jedoch
Nebensache, was zählt sind der richtige Spoiler, der größte Auspuff, die
meisten PS. Damit wollen sie ihre Mädchen, aber auch andere Autonarren
beeindrucken.
Zuerst wird palavert, dann aufs Gas gestiegen. Einige fahren Rennen, nur
für einen Tank Benzin, einen "guten Oktan". Beliebte "Rennstrecken" sind
die Triester, Laxenburger und Wagramer Straße, die Reichsbrücke, der
Gürtel, der Tunnel auf der A 22. In Niederösterreich ist die Shopping City
Süd ein häufiger Treffpunkt. Von dort gibt es Wettrennen auf der Strecke
der Südautobahn bis Guntramsdorf.
Durch intensive Kontrollen der Polizei und Führerschein- und
Kennzeichenabnahmen sind die Burschen vorsichtiger geworden. Vor allem die
Taktik der Polizei, verdächtige Autos bereits vor einem möglichen Rennen
anzuhalten und technisch überprüfen zu lassen, hat zu einem Rückgang der
Wettrennen auf öffentlichen Straßen geführt. Major Kalteis und
Revierinspektor Köck haben ein geübtes Auge. Sie erkennen, ob ein Fahrzeug
serienmäßige Umbauten aufweist, oder ob die technischen Veränderungen
nicht den Vorschriften entsprechen.
22.55 Uhr, Triester Straße. Den Beamten fällt ein schwarzer Golf auf. Mit
eingeschaltetem Blaulicht wird der Wagen angehalten. Drei junge Burschen
sitzen im Fahrzeug. Der Lenker weist den Beamten sofort Führerschein,
Zulassungsschein und Genehmigungen vor. Polizist Köck prüft den
Bodenabstand des Fahrzeugs mit einem Verbandskasten. Dieser ist acht
Zentimeter hoch und hat gerade Platz. Die erlaubte Mindestbodenfreiheit
beträgt elf Zentimeter. Köck behält die Dokumente vorerst und fordert den
Lenker des Golfs auf, der Polizei in die Landesprüfanstalt (LPA) zu
folgen, wo das Fahrzeug technisch überprüft wird.
Der Zivilstreifenwagen fährt voran, dahinter der Golf. Auf dem Weg zur LPA
fällt Köck ein weißer Mercedes 190 mit tiefer gelegtem Fahrwerk auf. Er
wird angehalten, zwei junge Burschen sitzen im Fahrzeug. Die gleiche
Prozedur. Auch der Mercedes fährt mit zur LPA.
Dort werden die Fahrzeuge auf "Herz und Nieren" überprüft: Bremsen,
Lenkung, Motor und vor allem die technischen Umbauten. Im Umkreis von zehn
Kilometern zum Ort der Überprüfung darf die Polizei Fahrzeuge zur
technischen Überprüfung der LPA vorführen. Darüber hinaus besteht die
Möglichkeit, dass Mitarbeiter der LPA mit dem mobilen Prüfzug zu dem Ort
der Anhaltung kommen. Technisch versierte Polizisten überprüfen
gesetzwidrige Umbauten an Autos selbst.
Bei Gefahr im Verzug werden die Kennzeichen abgenommen; zwei bis neun
Kennzeichen pro "Roadrunner"-Schwerpunkt. Schwere Mängel werden angezeigt.
Information und Aufklärung. Die jungen Burschen sind sich der Folgen ihres
Verhaltens kaum bewusst. Die Alters-klasse der 15- bis 24-Jährigen hat die
höchste Unfallrate im Straßenverkehr. Deshalb setzen die Beamten der
Verkehrsabteilungen der Polizei und Gendarmerie jetzt vermehrt auf
Aufklärung in den Berufsschulen. Schnellfahren und Alkohol im Verkehr sind
keine Kavaliersdelikte. Die Exekutivbeamten machen den Jugendlichen die
Folgen ihres unbesonnenen Handelns bewusst: Welche Strafen sie erwarten,
wie lange der Führerscheinentzug dauert, was die Nachschulung kostet.
Siegbert Lattacher
AUSBILDUNG
Umbauten und Auflagen
In der berufsbegleitenden Fortbildung informieren Beamte der
Verkehrsabteilung ihre Kollegen aus den Bezirken über die Roadrunner-Szene.
Für einen nicht speziell geschulten Streifenbeamten ist es schwierig,
gesetzwidrige technische Umbauten am Auto zu erkennen. "Die meisten
Burschen aus der Roadrunner-Szene wissen, was sie dürfen und was nicht –
und versuchen dadurch die Kollegen zu beeinflussen. Die Materie ist nicht
so kompliziert, wie es den Anschein erweckt, wenn man es richtig erklärt
bekommt", sagt Polizist Andreas Köck.
Die wichtigsten Punkte bei der Überprüfung eines getunten Fahrzeugs sind:
Reifen/Felgen dürfen nicht über die Karosserie hinausragen. Bei
Fahrwerks-Änderungen muss der Mindestabstand zwischen Boden und festen
Fahrzeugteilen elf Zentimeter und bei beweglichen Teilen wie Spoiler acht
Zentimeter betragen. Bei Lenkrädern muss der Durchmesser mindestens 33
Zentimeter sein. Spoiler dürfen nicht leicht splittern und es darf keine
scharfen Kanten geben. Der Lenker eines technisch veränderten Fahrzeugs
muss neben Führerschein und Zulassungsschein folgende Dokumente mitführen:
Typenschein, Bescheid über Einzelgenehmigung, Gutachten eines
Ziviltechnikers, Bauartgenehmigung (ABE), TÜV-Gutachten, Prüfbericht gem.
§ 57a KFG, Änderungsgenehmigungsbescheid.
Weitere Informationen über Änderungen an Fahrzeugen gibt es in der Wiener
Landesfahrzeugprüfstelle, 1110 Wien, Haidequerstraße 5, Telefon (01)
4000-9220, E-Mail: post.lfp@m46.magwien.gv.at, Internet: http://www.wien.gv.at/verkehr/organisation/pruefst.htm
sowie in den Landesfahrzeugprüfstellen der anderen Bundesländer.
TIPPS
Änderungen am Kfz
- Schon beim Fahrzeugkauf alle Veränderungen des Serienzustandes durch
Gutachten oder Genehmigungen nachweisen lassen.
- Vor Änderungen an Reifen/Felgen unbedingt die genehmigten
Rad-Reifenkombinationen im Typenschein nachlesen. Die zulässigen
Dimensionen liegen auch beim Reifenhändler auf.
- Beim Zubehör auf Produktgenehmigungen achten. Diese sollten den
Produkten beiliegen. Es empfiehlt sich, die Genehmigungen im Fahrzeug
mitzuführen (Kopie genügt).
- Grundsätzlich ist jede Änderung am Fahrzeug dem zuständigen
Landeshauptmann anzuzeigen.
- Genehmigungsfrei sind Produkte, die bereits vom Hersteller
typengenehmigt wurden oder über eine EU-Zulassung verfügen (Auspuff,
Rückleuchten, Tönungsfolien, Scheinwerfer).
- Ein abgenommenes Kennzeichen wird erst nach Überprüfung des
Fahrzeuges durch die Bundesprüfanstalt und ein positives Gutachten der
Bundesprüfanstalten ausgefolgt. Dort muss das Fahrzeug im gesetzmäßigen
Zustand vorgeführt werden.
BPD Wien
Verkehrsabteilung
In der Verkehrsabteilung der Bundespolizeidirektion Wien versehen 346
Beamte Dienst. Sie ist unterteilt in die "Motorisierte Streife", die
Radar-Gruppe, das Verkehrsunfallkommando, die Verkehrziehungsgruppe und
die Verkehrsleitzentrale. Außerdem betreut die Verkehrsabteilung die
Parkraumüberwachungsgruppe (69 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) der
Magistratsabteilung 67. Die stärkste Einheit ist die "Motorisierte
Streife" mit 178 Beamtinnen und Beamten.
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