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Opel GT

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OpelGTHeck OpelGTFront

Leistung: 264 PS
Drehmoment: 353 Nm @ 2500-5000 upm
Zylinder: 4 mit Abgasturboaufladung
Hubraum: 1998 ccm³
Eigengewicht: 1406 kg
Beschleunigung 0-100 km/h: 5,7 sek
Höchstgeschwindigkeit: 229 km/h
Antrieb: Heckantrieb, 5-Gang
Standort: Wien
Fahrer: phj
Charakteristik: Mit dabei in jedem siebten Ei

Nehmen wir uns doch heute mal dem Thema „Polarisierende Autos“ an. Wer kennt das nicht, man schlägt eine Autozeitschrift auf
und denkt sich „Na Oida, saufen die???“. Ich kann mich noch gut daran erinnern als ich das erste mal Fotos vom Fiat Multipla oder
dem damals neuen E65 7er BMW sah. Meine ersten geistigen Erklärungsversuchen waren, dass das Entwicklungsteam bei der
Weihnachtsfeier zu später Stunde in der Vollfettn irgendwas auf eine Serviette gekritzelt hat und zum Nachbartisch rüber lallte
„Traust Di niiie so a Wagl baun“. Der Sprecher von Tisch 2 meinte dann wohl „Nau sog feig“ und ein Jahr später wurde dann der
Multipla auf der IAA präsentiert. Gott sei Dank gibt es aber noch eine andere Seite der Polarisierung.
Man denkt sich „Yesss! That´s what i´m talking about“. So gings mir beim 129er SL, beim neuen Dodge Challenger SRT8 und auch
beim Opel GT. In freier Natur sah ich ihn das erste mal bei der heurigen Aspern Revival und hatte dort die Möglichkeit auszuprobieren
ob mein fetter Arsch zwischen Tür und Getriebetunnel Platz findet. Und siehe da, er passte. Ohne Vaseline, Schuhlöffel und Boxencrew.
Das war bei seinem Vorgänger, dem Opel Speedster, ganz anders. Da hätte ich wohl oder übel nach Rüsselsheim reisen müssen, mich dort
auf die Bodengruppe setzen und hoffen dass die Spengler die flotten Schuhe anhaben bevor der erste Stuhlgang fällig ist.
Wennst jedes mal zum aussteigen die Flex brauchst, ist das relativ wertlos.

Dank einer lieben Freundin war es mir möglich den neuen Roadster mal unter die Lupe zu nehmen.
Mir war klar, dass man bei einem Listenpreis von knapp 35k€ keine Wunder erhoffen darf, aber wenn man durch jahrelanges
Sternsingen doch einen gewissen Standard in Verarbeitung und Qualitätsanmutung gewohnt ist, hauts einem beim GT
schon a bissl den Beidl auf die Seitn. Obwohl die Instrumente, die Sitze und die Spaltmaße durchaus ok sind, der Rest lässt
als Entstehungsort eher Entenhausen als Rüsselsheim erahnen. Wer noch billigeres Plastik angreifen möchte, wird wohl am
ehesten bei Toys ´r ´us oder Mattel fündig. Ein normaler Mensch denkt spätestens hier, naja man kann das Interieur ja sicherlich
noch optional aufwerten. Mhmmm, nix da. Außer einer Metallic Lackierung und einem besseren Soundsystem gibts genau nix
zum ordern. Kein Xenonlicht, kein elektrisches Verdeck, keine Sitzheizung, gor nix. Opel gibt ein klein wenig Ausstattung vor
(Tempomat, Tschickanzünder, Lenkradfernbedienung, einen abgespeckten Bordcomputer) und damit Ende Gelände.

Das musste ich mal verdauen als ich hinter dem Steuer des Boliden Platz nahm. Obwohl „Platz nehmen“ mit meiner Wampm
in dem Auto sehr relativ zu sehen ist. Ich habe Hosen, die sind weiter geschnitten als der GT, aber ich überlebte die ersten fünf
Minuten ohne die Luft anzuhalten. Hier fiel mir die klassische „Lassen Sie sich von COMAND nicht vom Strassenverkehr ablenken“
Wuchtel in den Luxus Sternchen ein. Opel sollte für beleibte Fahrer eine „Lassen Sie sich vom GT nicht vom Atmen abhalten“
Warnung installieren. Könnte Leben retten.

Überhaupt definiert der GT den Begriff „Stauraum“ völlig neu. Am Papier stehen dem Piloten je nach dem ob das Verdeck offen oder
zu ist 157 bzw. 66 Liter Ladekapazität zur Verfügung. Da der GT in Amerika produziert wird, nimmt der Sicherheitstank im
Verdeckraum den meisten Platz weg, was für Gepäck zwar in Länge und Breite ca. 70cm Platz lässt aber nur 10cm in der Höhe.
Für einen Schallplattenhändler, der gerne seine Lieblings LPs Gassi führt mag das verlockend klingen, aber wenn Otto
Normalverbraucher die Bananen in zwei Stücke teilen und von den Zahnbürsten die Köpfe absägen muss um sie im GT
transportieren zu können, ist Frust vorprogrammiert. Fächer im Innenraum gibts gar keine, außer einem kleinen Fach zwischen
den Sitzen zu dem man aber im Sitzen nicht wirklich dazu kommt. Zur Krönung prangt auf der Einstiegsleiste ein Aufkleber
der mich davor warnt, die 192kg Zuladung ja nicht zu überschreiten. Hä? Wie 192 Kilo? Sollte jemand von Euch eine nette
30kg Single Äthiopierin bei der Hand haben, die ich mir für die nächste Ausfahrt leihen kann, bitte mail an mich.

Sobald aber der 2 Liter Turbo unter der nach vorne weg zu kippenden Motorhaube seinen Dienst aufnimmt, der erste Gang
eingelegt ist und man das erste mal einkuppelt zeigt sich die Sonnenseite des Opel GT.
Knapp unter 2000 Umdrehungen setzt der Lader ein und treibt den Vierzylinder rasch in Richtung Begrenzer.
Ab 5000 Umdrehungen drückt das kleine Ding so richtig an. Das extrem knackige 5-Gang Getriebe macht enormen Spaß.
Die Kombination „Heckantrieb/Sperrdifferential/komplett deaktivierbares ESP“ ist genau das, was der sportliche Fahrer
will. Wie aus einem Guss passt das auf Sport getrimmte Fahrwerk. Der Wagen liegt im Grenzbereich extrem neutral,
Untersteuern ist ein Fremdwort. Ist der Gasfuß zu ungehalten stellt  der GT brav seinen Arsch raus, genau so woll ma das.
Bei forschem Anfahren rauchts gleich mal ordentlich aus den hinteren Radkästen und auf dem traktionstechnisch suboptimalem
Untergrund der Exelbergstrasse gibts auch hin und wieder mal einen kleinen Powerslide im dritten Gang.
Fährt man auf gutem Untergrund wie zum Beispiel den Serpentinen von Königstetten Richtung Dopplerhütte rauf, bietet
der Opel GT ein sehr gutes Maß an Grip, aber man hält sich halt an die alte Weisheit „If it handles like on rails, you´re too slow“,
schrauft auf der Geraden noch mal anständig an, schlichtet beim Anbremsen die Einser nach, kuppelt nach und schon gehts perfekt
kontrolliert quer um die Ecke. Müsste man die Agilität in Sachen Oversteer kategorisieren, würde ich ihn zwischen einem 170er SLK
und einem 129er SL im Nassen einordnen. Genau richtig und Dank der eher direkten Lenkung braucht man beim Gegenlenken nicht
mal umzugreifen. Unterstützt wird der Pilot falls gewünscht von einem der besten serienmäßigen Soundsysteme, die ich je
in einem Cabrio gehört habe. Auch bei offenem Verdeck klares Staging und enorm knackige Bässe. Und voll MP3 tauglich.
Die Geldbörse freut der Vollgasverbrauch von rund 14 Liter Super.

Fazit:

Der Opel GT reduziert aufs Wesentliche, nämlich aufs Fahren. Fegt man mit dem Teil quer über die Dopplerhütte interessiert
man sich nicht mehr für Überaschungseier Plastik. Auch die nach knapp 5000 Kilometer sterbende Dachdichtung ist Schnee
von gestern. Man will mit diesem Auto einfach nicht nach Hause und genau das macht ein Auto aus.
Würde ich einen Oscar für das optimale Zweitauto vergeben, der GT würde ihn bekommen.

phj

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funkenschuasta / kerkermeister / pseudowebdesigner / fotograf / hobby-gynäkologe / roadrunner / querdenker / geek / cabriofanatiker / rollerquäler / urgestein / schuhfetischist / mercedes-nerd / unternehmer / serienjunkie