Home » Tests » Porsche 911 Carrera Cabrio (997)

Porsche 911 Carrera Cabrio (997)

997CarreraCabrio12 997CarreraCabrio13

997CarreraCabrio11 997CarreraCabrio02

Leistung: 325 PS
Drehmoment: 370 Nm
Zylinder: 6
Hubraum: 3,6 Liter
Eigengewicht: 1480 kg (DIN)
Beschleunigung 0-100 km/h: 5,7 sek (Tiptronic S)
Höchstgeschwindigkeit: 280 km/h
Antrieb: Heckantrieb, 5 Gang Automatik mit Lenkradtasten
Standort: Wien 23
Fahrer: phj
Beifahrer: —
Charakteristik: Die ergonomische Art zu rasen

Am 13. Oktober 2006 durfte ich einen Nachmittag lang die letzte Evolutionsstufe des legendären „Elfers“ bewegen.

Als bekennender (automobiler) Frischluftfanatiker freute es mich besonders das es sich bei dem Testwagen um die Variante
ohne verlötetem Dach handelte. Rein in die gute Stube, Triebwerk ein und als erstes mal das Dach wegtun.
Dies geschieht beim aktuellen 911 ratzfatz und ohne händische Entriegelung. In wenigen Sekunden schliesst sich der
Verdeckkasten und die Sonne kann einem ungestört auf die Birn knallen.

Das Interieur ist nahezu perfekt verarbeitet.Man platziert seine vier Buchstaben auf feinstes Leder, welches sich auch an den
Türverkleidungen, der Mittelkonsole und dem Armaturenbrett wieder findet. Sehr geile Gschicht.
Man merkt dass das Team der Zuffenhausener Innenarchitekten genau wusste was der sportliche Fahrer wo haben will.
Das Gestühl der getesteten Variante war laut Dealer noch die komfortable Version. Na leck oasch, wenn DAS die komfortable
Version ist, dann will ich die sportliche Version gar nicht erst mit meinem Luxuskörper bekannt machen.
Meiner Meinung nach ist das Thema Rückenlehne der einzige Punkt bei diesem Fahrzeug, der das Konzept
„Alltagsauto meets Renngerät“ über den Haufen wirft. Obwohl ich sagen muss bei motiviertem Fahrstil sind die Sitze das Beste
was ich je erlebt habe. Perfekte Symbiose zwischen Pilot und Maschine, ideale Sitzposition, man glaubt wirklich man ist
Teil der 997ers. Im Alltagsbetrieb allerdings zwingt einem die steile Rückenlehne und die nicht verstellbaren Kopfstützen zum
lümmeln und ehe man sichs versieht hängt der sportlich ambitionierte Manager in „Ur GTi Stellung“ hinterm Volant.

Die Platzverhältnisse im Innenraum sind wesentlich enger als zB im Ferrari 360. Ablagen sind zwar nicht im Überfluss vorhanden,
aber die notwendigsten Dinge finden auf Anhieb Platz. Bei der Tachoskalierung (330 km/h) war wohl eher der Wunsch der Vater
des Gedanken, einen asphärischen Spiegel auf der rechten Seite sucht man vergebens.
Das serienmässige „PCM“ (Porsche Communication Management) mit 5,8″ TFT, Porsches Antwort auf das „Comand“ System
bei Mercedes Benz beinhaltet Radio, Navigation und (optional) Telefonfunktionalität.
Die Navieinheit zeigte während des Tests zwar hin und wieder einen Topfen an, war aber bis auf die bei manchen Menüpunkten
invertierte Drehreglerfunktion ganz ok. Im Gegensatz zu den Vorgängermodellen kann man im 997 die „Map“ Funktion auch
ohne programmierter Zielführung aufrufen. Naviinformationen lassen sich auch unter dem schön mittig platzierten Drehzahlmesser
einblenden. Die Steuerung dieses Displays kann man über einen kleinen Hebel unter dem Blinkerschalter betätigen.
Ebenso wie die analoge Stoppuhr in der Mitte des Armaturenbretts. Dafür braucht man aber aufgrund der nicht ganz intuitiven
Bedienung mindestens einen HTL Abschluss. Es wäre intelligent gewesen die Stoppuhrsteuerung aufs Lenkrad zu platzieren.

Ein absolutes Highlight ist das aufpreispflichtige Bose Soundsystem. Was da aus den Lautsprechern kam gehört zum besten,
was man derzeit ab Werk ordern kann. Satte Bässe, eine unverfälschte Stimmwiedergabe, abgerundet mit einem sensationellen
Hochtonbereich. Egal ob mit geschlossenem Verdeck oder oben ohne, dieses Bose System ist einfach state-of-the-art.

Das Triebwerk des Carrera ist ein 3,6 Liter Boxermotor mit sechs Zylindern. Auch wenn mich einige Porsche Fleischis jetzt
am liebsten steinigen würden, aber meiner Meinung klingen die aktuellen wassergekühlten Motoren um Welten besser als
die alten luftgekühlten Käfer-Evolutionsstufen. Kernig grollend aus dem Keller, und heiser schreiend wenn mans wissen will.
Der Drehzahlkeller ist nicht so ganz mit Leistung gesegnet, man könnte meinen der Motor lässt Dir zu verstehen geben
„Na Blada, jetzt ned“. Hat man aber die 3000er Grenze überwunden wandelt sich der träge Kollege in einen reinrassigen
Sportler und der 11er scheint zu melden „Na guat, wenns sein muass, auf gehts!“ Während die Nadel des Drehzahlmessers
in Richtung rote Zone wandert wartet man voll Anspannung auf den gewissen Punch, dieses „Jawoi is des geil“ Feeling.
Aber es kommt nicht und bei 7000 findet der Vortrieb ein Ende.
Der Boxer hängt zwar ab 3000 gierig am Gas und setzt Gasbefehle auch rasch in Leistung um aber man hat das Gefühl nie
wirklich richtig schnell zu sein. Zwar reicht ein Blick auf den Tacho um zu merken, dass man sowohl die „21-35 Euro“- als auch
die „70-150€ und wenn ich sie noch einmal erwisch, wirds richtig bes“ Grenze schon lange passiert hat und sich meist im
„Kronen Zeitung Titelblatt“ Modus befindet wo bei etwaigen Fahrzeugkontrollen der Führerschein mit dem Schaffnerzangl entwertet wird.
Aber wenigstens ist der Zuffenhausener Prachtbursche nicht sonderlich durstig. Mehr als 16 Liter gingen einfach nicht rein.
Äusserst moderat für diese Klasse wie ich finde.

Kommen wir nun zur grössten Schattenseite des 911ers, dem Getriebe. Um es auf ein Wort zu reduzieren, fällt mir ad-hoc nur
der Begriff „Frechheit“ ein. Die Schaltvorgänge sind nochmal um einiges langsamer als beim Modena F1, welcher wenigstens
das schnelle herunterschalten über zwei Gänge zusammen brachte. Langsamer erledigt die Getriebeschlichterei eigentlich nur
mehr der smart cdi. Im normalen Modus wird bei erreichen des Drehzahlbegrenzers automatisch weiter geschaltet, im „Sport“
Modus bleibt die gewählte Fahrstufe eingelegt. Die Übersetzung der 2er ist um einiges zu kurz, was bei einem schnell schaltenden
Getriebe ja kein Problem wäre, kurz in die 3er und wieder runter. Da man aber von den letzten zwei Schikanen noch den Ärger im
Gesicht hat, lässt man den Carrera lieber die paar Meter bis zum nächsten Bremspunkt im Begrenzer laufen als sich von der
Tiptronic S eine Wartenummer geben zu lassen. Auf der Porsche website steht geschrieben:

„Besonders bei sportlicher Fahrweise zeigen sich die Vorteile der Tiptronic S. Schnelle Gangwechsel ohne Zugkraftunterbrechung
ermöglichen auch im Automatikbetrieb eine sehr agile Fahrweise.Die spontane Reaktion ist mit einem Porsche Schaltgetriebe vergleichbar.“

Hallo? Reden wir wirklich vom selben Auto??? Wenn ich nicht schon einige Porsche Modelle mit Handschaltung gefahren wäre,
würde ich nach dieser Probefahrt nicht mal einen Gedanken daran verschwenden dies nochmals zu tun.
Wie schon so oft möchte ich beim Thema Tiptronic auf den Konzernbruder Audi verweisen. Deren DSG Getriebe ist im Vergleich
zur „Tiptronic S“ wie Eva Mendez zu Mutter Beimer. Wer beide Getriebevarianten im 911er gefahren ist und sich trotzdem für die
Automatik entschieden hat, dem möchte ich fünf Minuten lang die Hände schütteln und eine Hansi Hinterseer CD überreichen.

Das Fahrwerk ist im normalen Modus sehr angenehm und trotzdem sportlich. Im „Sport“ Modus hauts einem sprichwörtlich die
Plomben aus der Beissleiste. Die Kurvenlage ist das Highlight dieses Fahrzeuges und lässt sich am besten mit dem Begriff
„unsichtbare Leitplanke“ erklären. Im Grenzbereich gibts hauchdünnes Untersteuern und wenn mans dabei belässt, fährt man
wie auf Schienen um die Ecken. Will mans aber genau wissen und gibt Schub, zieht der Carrera brav Richtung Kurveninnenseite
als wäre man mit einem Allradfahrzeug unterwegs. Auf rutschigem Terrain kann man mit ruckartigem Einlenken und deaktiviertem
„PSM“ (Porsche Stability Management) sehr schöne Drifts auf den Asphalt zaubern, welche sich perfekt mit dem Gaspedal dosieren
lassen. Geübte Hinterrad Piloten können getrost auf PSM verzichten, der 911 lässt sich wunderbar sauber quer fahren.

Die Bremserei arbeitet tadellos und greift wenn nötig bissig zu. Auch nach einer gröberen Dopplerhüttensession zeigten sie keinerlei
Anzeichen von Fading. Bereift war der Testwagen mit 235/40/ZR 18 auf 8×18″ vorne und 265/40/ZR 18 auf 10×18″ hinten.
Die Lenkung ist zwar nicht so direkt wie beim Modena, ist aber trotzdem sportlich ausgelegt und gibt präzises Feedback.

Wie schauts bei diesem nicht gerade billigen Fahrzeug mit dem Poserfaktor aus? Schlecht, ganz schlecht. Im Prinzip kratzt es
keine Sau wenn Du mit der Rodel vorbei fährst. Der 911 Carrera ist das genaue Gegenteil zum Brüderchen aus Maranello.
Nichtmal die Bilderbuchproleten im 2er Golf würdigten den 997er auch nur eines Blickes.

Fazit:
Ich habe mich mit meinen knapp 30 Lenzen damit abgefunden, dass ich wohl nie Olympiasieger im Stabhochsprung werde.
Warum findet sich Porsche nicht einfach damit ab, dass sie keine brauchbare Tiptronic zusammen bringen und lassen es bleiben?
Dieses Getriebe wirft das ganze sonst erstklassig umgesetzte Konzept komplett über den Haufen.
Ich muss mir in naher Zukunft nochmal sowas ausborgen, aber unbedingt mit Schaltgetriebe und erst dann wenn sich mein Kreuz
von den unbequemen Sitzen erholt hat. Wenn auf dem dicken Boxer noch zwei fette Föns dran hängen, würds mich auch nicht stören.
Schau ma mal…

phj

About phj

funkenschuasta / kerkermeister / pseudowebdesigner / fotograf / hobby-gynäkologe / roadrunner / querdenker / geek / cabriofanatiker / rollerquäler / urgestein / schuhfetischist / mercedes-nerd / unternehmer / serienjunkie