Sollte ich
jemals ein Buch über Fotografie schreiben wollen und dieses mit einer
FAQ versehen,
welche Frage würde da wohl an oberster Stelle stehen? Rrrrichtig "Was
für eine Kamera sollte ich
Deiner Meinung nach kaufen?". Natürlich zählen da auch Klassiker wie
"Canon oder Nikon?" oder
"Olympus oder Sony?" dazu.
Ich habe zwar keinen Schimmer warum, aber scheinbar ist es in den Köpfen
der Einsteiger irgendwie
festgebrannt, dass die Marke einen fixen Einfluss auf die Bildqualität
hat. Das ist natürlich kompletter
Schwachsinn. Leider haben sowohl im Marketing, als auch in den
Entwicklungsabteilungen der
Hersteller immer öfter die Marketingfritzen mehr zu sagen als die
Techniker. Was kommt dabei heraus?
Megapixelwahn und die Seligsprechung des allheilbringenden Vollformats.
Das man dem
schwachsinnigen Marketing des Herstellers aufgelaufen ist, merkt man
leider erst nach den ersten ein-
bis zweihundert Auslösungen wo sich dann erste Zweifel einstellen, ob
der "kaufens lieber die, die hat 19
statt 14 Megapixel" "Fachverkäufer" beim Blödmarkt wirklich ein Fachmann
war, oder seine Berufsbezeichnung
eher darauf zurück zu führen ist, dass er früher Fächer verkauft hat
(oder vorher in der Wurstabteilung
eines Nahversorgers gearbeitet hat).
Ok, wir haben also das Problem erkannt und isoliert, aber wie gehen wirs
jetzt richtig an?
Am besten step by step.
STEP 1: Die richtige Einstellung
vor dem Kauf
Wer kennt das nicht, der Kauf eines neuen
elektronischen Spielzeugs steht an, die Motivation und die
Marie ist bereit, das Geschlechtsteil pulsiert beim schlendern durch die
neonbeleuchteten Gänge des
Geschäfts und jetzt einfach das Teil mit den meisten Features ins Wagerl
und gut ists. Richtig?
Falsch. Ganz Falsch. Eine Kamera betrachtet man nicht als Spielzeug,
sondern als Werkzeug.
Klingt komisch, is aber so. Spätestens ein paar Monate nach dem Kauf
wenn der Glamour des neuen
Teils schön langsam verblasst, bleibt nämlich genau das übrig. Ein
Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger.
Nicht mal Tim Taylor würde beim Werkzeug shoppen einen Schraubenzieher
nach der Marke oder nach
Testberichten kaufen. Bei Kameras ist das aber leider Usus geworden.
Ein weiterer GANZ wichtiger Punkt. Ein Amateur mit einer D3x oder 1Ds
macht keine besseren Fotos
als mit einer D3000 oder einer 600D. BITTE glaubts ma des!!!
Viele Neueinsteiger tauschen das Gehäuse weil sie glauben eine
Profikamera macht bessere Bilder
und sind dann schwer enttäuscht warum es immer noch nicht klappt.
STEP 2: Wozu brauch ich das Teil?
Um bei der Schraubenzieher Analogie zu
bleiben...
Wenn mich alle heiligen Zeiten einmal die Bastellust packt, werde ich
mir kein Proxxon Set um mehrere
Hundert Euro kaufen, das wäre ja wohl der Overkill oder?
Bei Kameras laufen die Uhren anders. Da geben Leute teilweise zig
tausend Euros aus, damit sie einmal
im Jahr die Mizzi Tant beim Ausblasen der Geburtstagskerzen ablichten
können.
Obwohl das Beispiel jetzt vielleicht überzogen klingen mag, so hat wohl
jeder jemanden im Bekanntenkreis
auf den das Szenario passt, oder?
Für viele D-SLR User, die sowieso keine Ambitionen haben ihren
fotografischen Horizont jenseits des
Automatikmodus erweitern zu wollen, würde eine gute Kompaktknipse oder
eine Bridgekamera mehr als
ausreichen und das bei einem Bruchteil der Anschaffungskosten.
Ein weiterer Punkt, den jeder nur für sich selbst beantworten kann ist
die Frage
"Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich auf dieses Hobby hinein
kippe?"
Will ich nur eine Bildmaschine für spärlichen Gebrauch, oder will ich
mich wirklich mit Fotografie beschäftigen?
STEP 3: Feel the difference
Niemand würde auf die Idee kommen sich
auf ein Auto oder eine zukünftige Lebensgefährtin zu binden,
ohne das Teil ausgiebig begrapscht bzw. Probegefahren zu haben.
Beim Kamerakauf ist es aber ganz normal sich mal für einen Nachmittag in
(teilweise gesponserten) Testberichten
einzugraben und dann schnell mal rüber zu amazon und fertig ist die
Suche nach der für mich perfekten Kamera. Richtig?
Falsch! Sich eine Kamera nur laut selbst angeeignetem Halbwissen oder
Rezessionen der Presse bzw. anderen
(fremden) Leuten zu holen ist ungefähr wie wenn Dein Nachbar rüber kommt
und meint "Herst, i hob do a super Oide
zum heiraten. Blond, große Tepf und bis jetzt waren alle zfrieden". Wie
machen wirs also richtig?
Auf zum lokalen Blödmarkt und die preislich relevanten Gehäuse ALLER
Hersteller in die Hand nehmen
(auch wenn der Karli Onkel meint die Olympus is a Schas) und ausgiebig
befingern.
Warum ist das so wichtig?
Nur ein entspannter Fotograf macht gute Aufnahmen. Dieser ist aber nur
entspannt, wenn ihm die Kamera in der
Hand sympathisch ist, das Bedienungskonzept in Fleisch und Blut
übergegangen ist und er sich nicht jede zweite
Auslösung über irgendein störendes Feature ärgern muss, welches er
damals im Onlineshop natürlich nicht
feststellen konnte. Im worst case Szenario entsteht gar kein Bild, da
keiner eine Kamera mitnimmt, die ihm
nicht wirklich taugt wenn die erste Geilheit über das neue Spielzeug
abgeklungen ist.
Vergleichen wir es wieder mit dem Handwerker. Kein Tischler wird ein
gutes Küchenkastl zusammen bauen können,
wenn er sich dauernd mit einem unpassenden Hobel herumärgern muss. So
was blockiert einfach die Kreativität
und lenkt vom Schaffen ab. Und genau so läuft es auch in der Fotografie.
STEP 4: Der Recall
Sind alle notwendigen Fummelsessions
erledigt, hat man meist zwei oder drei Kandidaten in der engeren
Auswahl.
Und erst hier kommt das erste mal die Marke des Gehäuses ins Spiel, aber
anders als man das vermuten mag.
Jetzt sollte man sich die Frage stellen "Welche Marken grassieren im
Freundeskreis?"
Und zwar nicht weil der Pepi Onkel oder der Karl aus der Arbeit jetzt so
richtig Ahnung von der Materie haben, sondern
weil man sich gerade in der Anfangsphase viel Zubehör (Objektive,
Blitze, Batteriegriff, etc) ausleihen kann und
so in Ruhe entscheiden kann, ob die geplante Investition, welche gerade
bei Objektiven schnell mal in den vierstelligen
Eurobereich rutscht, wirklich notwendig ist bzw. meinen fotografischen
Horizont meiner Vorstellung nach erweitern kann.
Ebenfalls kommt hier wieder der "Was will ich eigentlich mit dem Teil?"
Part zum tragen. Weiß ich schon im Vorhinein,
dass mein Hauptaugenmerk z.B. eher in Richtung Sportfotografie liegen
wird, werde ich eher ein Gehäuse mit schnellerer
Serienbildanzahl und eventuell ein Objektiv mit längerer Brennweite in
Betracht ziehen. Gehe ich eher in Richtung
Architektur bzw. Landschaften, so wäre eher ein Body mit einem
(bestmöglich) verzeichnungsfreien und gut auflösenden,
eher weitwinkeligen Objektiv die erste Wahl.
STEP 5: Nicht vom Marketing blenden
lassen
Im Kamera Marketing werden derzeit zwei
Fakten transportiert:
1.) Je mehr Megapixel, desto besser
2.) Vollformat ist besser
Beides kompletter Bullshit!
Klar ist es toll wenn Bilder mit vielen Pixeln aus der Kamera kommen,
aber über die Nachteile schweigt die Industrie.
Je mehr Pixel ich auf einen Sensor presse, umso mehr verstärkt sich das
Rauschen des Sensors.
Der Megapixel Wahn ist schon soweit ausgeufert, dass immer mehr
Hersteller (teilweise sogar nicht deaktivierbare)
Rauschfilter direkt am Chip integrieren, was wiederum zu Schärfeverlust
und weich gewaschenen Aufnahmen führt.
Und wozu das Ganze? Um auf einem Markt, der dem Kunden seit Jahren
suggeriert er braucht die vielen Pixel, nicht
unterzugehen. Na schönen Dank auch!
Vollformat hat in speziellen Bereichen
der Fotografie (z.B. Hochzeiten) schon seine Berechtigung, da ein schön
freigestelltes Motiv (Vordergrund scharf, Hintergrund unscharf)
subjektiv den fortgeschrittenen bzw. professionellen
Fotografen vom "Kompaktknipsenpöbel" unterscheidet. Wenn man jedoch
Gehäuse mit Vollformat Sensoren
(z.B. Canon 1Ds & 5D, Nikon D3 & D700, Sony Alpha 850 & Alpha 900)
Gehäusen mit APS-C Sensoren gegenüber
stellt, tun sich da schon mal Abgründe auf. Da tauscht man schnell mal
ein wenig mehr Sensorfläche gegen Vignettierung,
Randunschärfen und Geschwindigkeit in der Datenverarbeitung.
STEP 6: Finanzielle Nebengeräusche
kalkulieren
Mit der Kamera alleine ist es ja nicht
getan. So ziemlicher jeder, der mit seiner ersten D-SLR Ausstattung
vom Hof des Händlers marschiert hat das klassische "Mit dem Zeig hob i
jetzt die nächsten fünf Johr ausgsorgt" Grinser
im Gesicht. Doch schnell merkt man "Aha, da gibts was besseres, da auch,
und hey- DAS muss ich auch haben".
Nicht nur die direkten Nebenkosten (Objektive, Blitz, Kamerataschen,
Speicherkarten, Stativ, Fernauslöser), sondern
auch die indirekten Nebenkosten im EDV Bereich sind nicht zu
vernachlässigen.
-) Hab ich genug Festplattenspeicher zum archivieren meiner Fotos?
-) Habe ich schon eine Backup Strategie, falls die Festplatte abraucht
(NAS, etc)?
-) Ist mein PC performant genug für die Bildbearbeitung (CPU, RAM)?
-) Wie gut ist die Farbdarstellung meines Monitors und ist der überhaupt
groß genug um bequem bearbeiten zu können?
-) Brauche ich eventuell ein Gerät zur Kalibrierung meines Monitors?
STEP 7: Das Teil auch wirklich mitnehmen
Bei vielen Einsteigern stellt sich (wohl nicht zuletzt aufgrund der
großen finanziell getätigten
Investition) ein gewisser Mutterinstinkt gegenüber dem Kameranachwuchs
ein. Man will das gute Stück ja nicht kaputt
machen, oder gar im Auto liegen lassen. Alles gut und schön, aber was
nutzt die beste Spiegelreflexkamera mit den feinsten Gläsern,
wenn sie daheim unterm Schreibtisch in der Tasche vor sich hin
schlummert?
Natürlich ist es in der ersten Zeit ungewohnt, das (meist schwere und
unhandliche) Teil mit zu schleppen, aber das gehört
halt zum fotografieren dazu. Also, keine Ausreden und ran die Kamera!
Famous last words:
Ich hoffe Euch mit diesem Guide ein wenig geholfen zu haben, die
gröbsten Gefahren und Abgründe
am Weg zum glücklichen Fotografendasein umschiffen zu können.
Liebe Grüße und "Gut Licht"! |